Hochsensibilität, ADHS und Autismus – ähnliche Erfahrungen, unterschiedliche Hintergründe
Warum Reizempfindlichkeit, Überforderung und Schwierigkeiten mit der Selbstregulation nicht automatisch dasselbe bedeuten.
Manche Menschen fühlen sich durch Geräusche, soziale Begegnungen oder eine Vielzahl gleichzeitiger Anforderungen rasch überfordert. Andere haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, benötigen feste Abläufe oder reagieren besonders intensiv auf Veränderungen. Solche Erfahrungen werden häufig mit Hochsensibilität, ADHS oder Autismus in Verbindung gebracht.
Tatsächlich können sich einzelne Merkmale dieser unterschiedlichen Konzepte und Erscheinungsbilder im Alltag ähneln. Ein erhöhtes Bedürfnis nach Rückzug, eine ausgeprägte Reizempfindlichkeit oder Schwierigkeiten in belastenden Situationen erlauben für sich genommen jedoch noch keine eindeutige Zuordnung.
Um individuelle Besonderheiten besser zu verstehen, reicht es deshalb nicht aus, ausschließlich auf das sichtbare Verhalten zu achten. Entscheidend ist auch die Frage, wie dieses Verhalten entsteht, welche Prozesse daran beteiligt sind und unter welchen Bedingungen Schwierigkeiten auftreten.
Hochsensibilität, ADHS und Autismus – was unterscheidet sie?
Hochsensibilität wird in der psychologischen Forschung unter dem Begriff Sensory Processing Sensitivity beschrieben. Das Konzept bezieht sich auf individuelle Unterschiede in der Sensitivität gegenüber Umweltbedingungen und in der Verarbeitung von Eindrücken.
Dazu gehören unter anderem die Wahrnehmung von Feinheiten, eine intensive Auseinandersetzung mit Erfahrungen, emotionale Reaktionsbereitschaft und eine mögliche Anfälligkeit für Überstimulation. Diese Merkmale können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und müssen nicht bei jedem Menschen in gleicher Weise auftreten.
Hochsensibilität ist keine psychische Erkrankung und stellt keine eigenständige klinische Diagnose dar. Auch lässt sich aus einer erhöhten Sensitivität allein nicht ableiten, wie belastbar ein Mensch ist oder welche Schwierigkeiten im Alltag entstehen.
ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, ist hingegen eine diagnostisch definierte Neuroentwicklungsstörung. Kennzeichnend sind anhaltende Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität, die bereits in der Entwicklung beginnen und mit relevanten Beeinträchtigungen verbunden sein können.
Im deutschsprachigen Raum wird zusätzlich häufig die Bezeichnung ADS verwendet. Gemeint ist damit in der Regel die vorwiegend unaufmerksame Präsentation der ADHS. Bei diesen Menschen können Schwierigkeiten der Aufmerksamkeitssteuerung, der Handlungsorganisation und der Aktivierung besonders auffallen, ohne dass eine ausgeprägte motorische Hyperaktivität im Vordergrund steht. ADS ist jedoch keine eigenständige Diagnose.
Autismus gehört ebenfalls zu den Neuroentwicklungsstörungen. Charakteristisch sind anhaltende Besonderheiten der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte oder repetitive Verhaltens-, Interessen- oder Aktivitätsmuster. Auch sensorische Besonderheiten, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit oder Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen können eine Rolle spielen.
Bereits diese Unterscheidung macht deutlich: Hochsensibilität, ADHS und Autismus sind keine austauschbaren Begriffe. Dennoch können Menschen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, in ihren Alltagserfahrungen Gemeinsamkeiten entdecken.
Warum können sich die Erfahrungen im Alltag ähneln?
Ein Beispiel ist die Reizempfindlichkeit. Eine volle Straßenbahn, ein lautes Büro oder eine Veranstaltung mit vielen Menschen kann für unterschiedliche Personen ausgesprochen anstrengend sein.
Die Gründe dafür müssen jedoch nicht dieselben sein.
Bei einer Person kann die intensive Wahrnehmung zahlreicher Sinneseindrücke im Vordergrund stehen. Bei einer anderen kann es besonders schwierig sein, die Aufmerksamkeit zwischen konkurrierenden Informationen zu steuern oder störende Eindrücke auszublenden. Wieder eine andere Person erlebt bestimmte Geräusche, Berührungen oder unvorhersehbare Veränderungen als besonders belastend.
Von außen betrachtet kann das Ergebnis ähnlich aussehen: Die betroffene Person wird unruhig, erschöpft oder zieht sich zurück.
Das sichtbare Verhalten allein erklärt jedoch noch nicht, welche Prozesse dahinterstehen.
Ähnliches gilt für das Bedürfnis nach Struktur. Feste Abläufe können helfen, Anforderungen überschaubar zu gestalten, Entscheidungen zu erleichtern oder Unsicherheit zu reduzieren. Sie können aber auch dazu dienen, Schwierigkeiten bei der Handlungsorganisation auszugleichen oder den Umgang mit unerwarteten Veränderungen zu erleichtern.
Welche Bedeutung solche Routinen haben und weshalb Abweichungen belastend erlebt werden, kann sich individuell erheblich unterscheiden.
Deshalb ist es wenig hilfreich, einzelne Eigenschaften vorschnell als typisch für Hochsensibilität, ADHS oder Autismus einzuordnen.
Reizverarbeitung, Bewertung, Aufmerksamkeit und Selbstregulation
Eine funktionale Betrachtungsweise richtet den Blick auf die Prozesse, die zwischen einer Situation und der individuellen Reaktion stattfinden.
Dabei lassen sich mehrere miteinander verbundene Bereiche unterscheiden. Sie bilden keine voneinander unabhängigen Systeme, sondern beeinflussen sich fortlaufend gegenseitig.
Reizverarbeitung
Menschen unterscheiden sich darin, welche Informationen sie wahrnehmen, wie intensiv sie diese erleben und wie stark sie ihre Aufmerksamkeit beanspruchen.
Ein Geräusch kann für eine Person kaum bemerkbar sein, während es für eine andere eine erhebliche Belastung darstellt. Ebenso können soziale Signale, körperliche Empfindungen oder Veränderungen in der Umgebung unterschiedlich stark wahrgenommen und verarbeitet werden.
Entscheidend ist dabei nicht allein die Intensität eines Reizes. Auch die Anzahl gleichzeitiger Eindrücke, ihre Vorhersagbarkeit und die Möglichkeit, sie zu beeinflussen, können eine Rolle spielen.
Bewertung
Wie wir eine Situation erleben, hängt auch davon ab, welche Bedeutung wir ihr zuschreiben.
Ein unerwartetes Gespräch kann als interessante Begegnung, als störende Unterbrechung oder als zusätzliche soziale Anforderung wahrgenommen werden. Frühere Erfahrungen, Erwartungen und die aktuelle psychische Verfassung können diese Bewertung beeinflussen.
Bewertungsprozesse müssen dabei nicht immer bewusst ablaufen. Manche Reaktionen entstehen rasch und automatisch, bevor ein Mensch seine Empfindungen genauer einordnen kann.
Aufmerksamkeit und Aktivierung
Aufmerksamkeit ermöglicht es, Informationen auszuwählen, sich auf bestimmte Inhalte zu konzentrieren und zwischen Anforderungen zu wechseln.
Aktivierung beschreibt die körperliche und mentale Bereitschaft, Aufmerksamkeit aufzubauen, Handlungen zu beginnen und zielgerichtet umzusetzen.
Beide Bereiche stehen in enger Wechselwirkung. Ein zu niedriges Aktivierungsniveau kann es erschweren, eine Aufgabe zu beginnen oder die Konzentration aufrechtzuerhalten. Eine sehr hohe Aktivierung kann dagegen mit innerer Unruhe, Anspannung und Schwierigkeiten bei der gezielten Aufmerksamkeitssteuerung verbunden sein.
Gerade bei ADHS können Probleme entstehen, die eigene Aufmerksamkeit und Aktivierung situationsangemessen zu regulieren. Dies kann sich beispielsweise darin zeigen, dass eine wenig anregende Aufgabe kaum begonnen werden kann, während eine besonders interessante Tätigkeit die Aufmerksamkeit über längere Zeit bindet.
Solche Schwierigkeiten sind jedoch nicht ausschließlich bei ADHS zu beobachten. Auch Schlafmangel, Stress, psychische Beschwerden und andere Faktoren können Aufmerksamkeit und Aktivierung beeinflussen.
Emotionale und verhaltensbezogene Selbstregulation
Selbstregulation umfasst die Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Aktivierung, Emotionen und Verhalten an die Anforderungen einer Situation anzupassen.
Dazu gehört beispielsweise, mit Frustration umzugehen, auf Veränderungen zu reagieren, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen oder trotz innerer Anspannung handlungsfähig zu bleiben.
Diese Möglichkeiten stehen nicht jederzeit im gleichen Ausmaß zur Verfügung. Müdigkeit, anhaltende Belastungen oder fehlende Erholung können die Regulation erschweren.
Die funktionale Betrachtung hilft dabei, solche Zusammenhänge besser zu verstehen. Sie stellt jedoch kein eigenständiges diagnostisches Verfahren dar und ersetzt keine klinische Abklärung.
Ähnliches Verhalten bedeutet nicht dieselbe Ursache
Stellen wir uns drei Menschen vor, die nach einer längeren beruflichen Besprechung erschöpft sind und eine anschließende Verabredung absagen.
Die erste Person hat zahlreiche Einzelheiten wahrgenommen, unterschiedliche Gesprächsbeiträge intensiv verarbeitet und die emotionalen Reaktionen der Anwesenden aufmerksam verfolgt. Die Vielzahl der Eindrücke hat ihre verfügbaren Ressourcen zunehmend beansprucht.
Die zweite Person musste große Anstrengungen unternehmen, um dem Gespräch zu folgen, ihre Aufmerksamkeit trotz wiederholter Ablenkungen aufrechtzuerhalten und relevante Informationen zu ordnen. Gleichzeitig fiel es ihr schwer, ihre innere Aktivierung an die wechselnden Anforderungen anzupassen.
Die dritte Person war besonders durch unklare soziale Erwartungen, mehrere gleichzeitig ablaufende Gespräche und unerwartete Änderungen des Besprechungsablaufs beansprucht. Die fortlaufende Orientierung in der sozialen Situation und die Anpassung an Veränderungen waren für sie anstrengend.
Alle drei erleben Erschöpfung und wünschen sich Ruhe. Dennoch können unterschiedliche Verarbeitungs- und Regulationsprozesse beteiligt sein.
Diese Beispiele sollen mögliche funktionale Unterschiede veranschaulichen. Sie erlauben keine diagnostische Zuordnung. Intensive Verarbeitung kann auch bei Menschen mit ADHS oder Autismus vorkommen, Schwierigkeiten der Aufmerksamkeit können unterschiedliche Ursachen haben, und soziale Anforderungen können unabhängig von einer Diagnose belastend sein.
Auch emotionale Reaktionen lassen sich nicht allein anhand ihrer Intensität einordnen. Gereiztheit, Rückzug oder starke Anspannung können unter anderem mit Überforderung, Schwierigkeiten der Emotionsregulation, Unsicherheit, belastenden Beziehungserfahrungen oder psychischen Beschwerden zusammenhängen.
Für ein angemessenes Verständnis ist deshalb entscheidend, den jeweiligen Zusammenhang zu berücksichtigen.
Wann tritt die Schwierigkeit auf? Welche Anforderungen gehen ihr voraus? Welche Gedanken, Gefühle und körperlichen Reaktionen begleiten sie? Welche Bedeutung hat die Situation für die betroffene Person? Und was hilft ihr, wieder handlungsfähig zu werden?
Solche Fragen ermöglichen eine differenziertere Betrachtung als die bloße Zuordnung einzelner Eigenschaften.
Warum eine sorgfältige Unterscheidung wichtig ist
Die Beschäftigung mit Hochsensibilität, ADHS oder Autismus kann Menschen dabei helfen, eigene Erfahrungen besser einzuordnen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass ähnliche Merkmale zu vorschnellen Schlussfolgerungen führen.
Nicht jede Reizempfindlichkeit ist Ausdruck von Hochsensibilität. Nicht jede Konzentrationsschwierigkeit weist auf ADHS hin. Und nicht jedes ausgeprägte Bedürfnis nach Routinen ist ein Hinweis auf Autismus.
Hinzu kommt, dass psychische Beschwerden, Schlafmangel, chronische Belastungen und körperliche Erkrankungen das Erleben und Verhalten beeinflussen können.
Umgekehrt können unterschiedliche Merkmale und klinische Störungsbilder auch gemeinsam auftreten. Eine Erklärung muss daher nicht zwangsläufig eine andere ausschließen.
Eine sorgfältige diagnostische Abklärung berücksichtigt unter anderem die Entwicklungsgeschichte, die Dauer und Ausprägung der Beschwerden, deren Auswirkungen auf den Alltag sowie mögliche alternative oder zusätzliche Erklärungen.
Bei ADHS und Autismus ist dabei nicht allein entscheidend, ob bestimmte Verhaltensweisen vorhanden sind. Ebenso wichtig ist, ob die jeweiligen diagnostischen Kriterien erfüllt sind, wie sich die Besonderheiten über die Entwicklung hinweg gezeigt haben und welche funktionellen Beeinträchtigungen bestehen.
Hochsensibilität kann als beschreibendes Konzept hilfreich sein. Sie sollte jedoch weder mit einer klinischen Diagnose gleichgesetzt noch dazu verwendet werden, klinisch relevante Schwierigkeiten vorschnell zu erklären.
Den Menschen hinter den Merkmalen verstehen
Begriffe und Diagnosen können Orientierung geben. Sie ermöglichen es, bestimmte Erfahrungen zu benennen, Zusammenhänge zu erkennen und gegebenenfalls geeignete Unterstützung zu finden.
Sie beschreiben jedoch niemals den gesamten Menschen.
Zwei Personen mit derselben Diagnose können sich in ihren Stärken, Schwierigkeiten und Bedürfnissen deutlich unterscheiden. Ebenso können Menschen ohne klinische Diagnose unter bestimmten Bedingungen erhebliche Belastungen erleben.
Eine funktionale Perspektive fragt deshalb nicht nur danach, welche Merkmale vorhanden sind. Sie beschäftigt sich auch damit, wie Wahrnehmung, Bewertung, Aufmerksamkeit, Aktivierung und Selbstregulation mit den jeweiligen Lebensbedingungen zusammenwirken.
Im Mittelpunkt steht die Frage, was ein Mensch unter welchen Bedingungen benötigt, um seinen Alltag möglichst gut bewältigen zu können.
Gerade bei Themen wie Hochsensibilität, ADHS und Autismus kann diese Perspektive dazu beitragen, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen, ohne wichtige Unterschiede aus dem Blick zu verlieren.
Das Ziel besteht nicht darin, Diagnosen überflüssig zu machen oder individuelle Besonderheiten auf einzelne Funktionen zu reduzieren. Vielmehr können diagnostische Erkenntnisse und eine funktionale Betrachtung einander ergänzen.
So entsteht ein differenzierteres Verständnis, das sowohl den individuellen Voraussetzungen als auch den konkreten Erfahrungen und Bedürfnissen eines Menschen gerecht wird.
Weiterführende Lektüre
In meinem Buch „Nicht zu empfindlich. Nicht zu chaotisch. Hochsensibilität, ADHS, ADS und Autismus funktional verstehen“ vertiefe ich die hier dargestellten Zusammenhänge.
Im Mittelpunkt steht eine funktionale Betrachtungsweise, die Reizverarbeitung, Bewertung, Aufmerksamkeit, Aktivierung und Selbstregulation miteinander verbindet. Sie eröffnet einen differenzierten Blick auf individuelle Besonderheiten und hilft, ähnliche Erfahrungen besser einzuordnen, ohne wichtige Unterschiede zu übersehen.
Wissenschaftliche Grundlagen
Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368.
https://doi.org/10.1037/0022-3514.73.2.345
Greven, C. U., et al. (2019). Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research
agenda. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 98, 287–305.
https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2019.01.009
World Health Organization (WHO). (2024). Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental
disorders.
https://www.who.int/publications/i/item/9789240077263
National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2018). Attention deficit hyperactivity disorder: Diagnosis and management (NG87).
https://www.nice.org.uk/guidance/ng87
National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2012). Autism spectrum disorder in adults: Diagnosis and management (CG142).
https://www.nice.org.uk/guidance/cg142
Über die Autorin
Mag. Caroline Makovec ist Klinische Psychologin, Supervisorin und Autorin mit Praxis in Wien. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Begleitung hochsensibler Erwachsener. Darüber hinaus bietet sie klinisch-psychologische Behandlung bei psychischen Beschwerden und Erkrankungen sowie Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT) an.
Weiterführende Informationen: Hochsensibilität – klinisch-psychologische Begleitung und Behandlung in Wien
Dieser Artikel dient der allgemeinen psychologischen Information und ersetzt keine individuelle klinisch-psychologische Diagnostik oder Behandlung.
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