Wenn die Welt intensiver wahrgenommen wird
Manche Menschen nehmen ihre Umwelt besonders fein und intensiv wahr. Geräusche, Gerüche, Licht, Stimmungen oder zwischenmenschliche Zwischentöne können stärker ins Bewusstsein treten. Erlebnisse wirken häufig länger nach und werden eingehender verarbeitet.
Für diese Form erhöhter Sensitivität hat sich der Begriff Hochsensibilität etabliert. In der wissenschaftlichen Forschung wird in diesem Zusammenhang vor allem von Sensory Processing Sensitivity (SPS) gesprochen.
Hochsensibilität ist keine psychische Erkrankung und keine Diagnose. Sie wird vielmehr als Persönlichkeits- bzw. Temperamentsmerkmal verstanden, bei dem sich Menschen hinsichtlich ihrer Sensitivität gegenüber inneren und äußeren Reizen unterscheiden.
Wahrnehmen, verarbeiten - und manchmal überfordert sein
Eine intensive Wahrnehmung kann viele bereichernde Seiten haben. Menschen mit hoher Sensitivität beschreiben beispielsweise ein ausgeprägtes Gespür für Feinheiten, eine intensive emotionale Erlebnisfähigkeit oder eine differenzierte Wahrnehmung ihrer Umgebung.
Dieselbe Sensitivität kann jedoch dazu führen, dass die persönliche Belastungsgrenze unter reizintensiven Bedingungen früher erreicht wird.
Viele Eindrücke gleichzeitig, Lärm, Zeitdruck, soziale Anforderungen oder emotional belastende Situationen können dann schneller zu Überreizung und dem Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug führen.
Entscheidend ist dabei nicht allein, wie viele Reize vorhanden sind, sondern wie sie wahrgenommen, verarbeitet und reguliert werden.
Hochsensibilität zeigt sich nicht bei jedem Menschen gleich
Es gibt nicht den hochsensiblen Menschen.
Bei manchen stehen sensorische Empfindlichkeiten im Vordergrund. Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder eine unruhige Umgebung werden besonders intensiv wahrgenommen.
Andere erleben vor allem emotionale und zwischenmenschliche Situationen sehr differenziert. Sie registrieren Stimmungen und Veränderungen im Verhalten anderer aufmerksam und beschäftigen sich mit diesen Eindrücken häufig noch lange danach.
Wieder andere setzen sich intensiv mit Gedanken, Erfahrungen und Zusammenhängen auseinander und benötigen mehr Zeit, um Erlebtes innerlich zu verarbeiten.
Diese Bereiche können sich überschneiden und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Auch Persönlichkeit, Lebensgeschichte, aktuelle Belastungen, das soziale Umfeld und vorhandene Bewältigungsstrategien beeinflussen, wie Sensitivität im Alltag erlebt wird.
Deshalb gibt es weder die eine Form von Hochsensibilität noch den einen richtigen Umgang damit.
Hochsensibilität im Zusammenspiel mit der Umwelt
Wie Sensitivität erlebt wird, hängt nicht allein vom Menschen selbst ab.
Eine Umgebung mit hoher Reizdichte, dauerhaftem Zeitdruck, wenig Rückzugsmöglichkeiten oder hohen sozialen Anforderungen kann für einen Menschen mit hoher Sensitivität deutlich belastender sein als ein Umfeld, das ausreichend Erholung, Vorhersagbarkeit und Möglichkeiten zur Regulation bietet.
Gleichzeitig können unterstützende Beziehungen, ein gutes Verständnis der eigenen Bedürfnisse und passende Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass Sensitivität weniger als Belastung und stärker als selbstverständlicher Teil der eigenen Persönlichkeit erlebt wird.
Hochsensibilität lässt sich deshalb nicht losgelöst von den Bedingungen betrachten, unter denen ein Mensch lebt.
Wenn Hochsensibilität zur Belastung wird
Hochsensibilität selbst ist nicht behandlungsbedürftig.
Schwierigkeiten können jedoch entstehen, wenn die Anforderungen des Alltags dauerhaft die eigenen Regulationsmöglichkeiten übersteigen. Manche Menschen erleben dann häufige Überforderung oder Erschöpfung, ziehen sich zunehmend zurück oder bemerken eigene Bedürfnisse und Belastungsgrenzen erst sehr spät.
Auch Selbstzweifel können entstehen – insbesondere dann, wenn die eigene Empfindsamkeit über viele Jahre als „zu viel“, „zu empfindlich“ oder als Schwäche bewertet wurde.
Wichtig ist dabei eine differenzierte Betrachtung: Nicht jede Reizempfindlichkeit, emotionale Intensität, Erschöpfung oder soziale Überforderung ist Ausdruck von Hochsensibilität.
Ähnliche Erfahrungen können auch andere Ursachen haben oder im Zusammenhang mit psychischen Belastungen sowie anderen Formen der Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsregulation auftreten.
Hochsensibilität kann daher eine hilfreiche Perspektive auf das eigene Erleben eröffnen – sie sollte jedoch nicht zur alleinigen Erklärung für jede Schwierigkeit werden.
Einen eigenen Umgang mit Sensitivität entwickeln
Ein guter Umgang mit Hochsensibilität bedeutet nicht, möglichst viele Reize zu vermeiden oder das eigene Leben immer stärker an der Sensitivität auszurichten.
Vielmehr geht es darum, die eigene Wahrnehmungs- und Regulationsweise kennenzulernen und zunehmend besser einschätzen zu können, was belastet, was reguliert und welche Bedingungen langfristig guttun.
Dabei kann es beispielsweise darum gehen,
Ziel ist nicht, weniger sensibel zu werden. Vielmehr geht es darum, die eigene Sensitivität so gut kennenzulernen und einzuordnen, dass ein selbstbestimmter Umgang damit möglich wird.
Klinisch-psychologische Begleitung bei Hochsensibilität
Als Klinische Psychologin beschäftige ich mich seit vielen Jahren intensiv mit Hochsensibilität und habe diesen Bereich zu einem Schwerpunkt meiner beruflichen Tätigkeit gemacht.
Dabei verbinde ich wissenschaftliche Erkenntnisse und klinisch-psychologische Erfahrung mit einem differenzierten Blick auf den einzelnen Menschen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Ihre individuelle Sensitivität in Ihrem Leben zeigt, was Sie belastet und was Sie benötigen, um einen guten Umgang mit Ihrer Art der Wahrnehmung zu entwickeln.
Wenn neben der Hochsensibilität psychische Beschwerden bestehen oder Sie sich eine professionelle Unterstützung im Umgang mit Ihrer Sensitivität wünschen, finden Sie weitere Informationen unter Klinisch-psychologische Behandlung.
Ich begleite Sie gerne dabei.
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